Blick

Angleichung und Abgrenzung

Lernen bedeutet nicht nur, dass Instruktionen und Methoden sprachlich oder schriftlich vermittelt werden. Das wortlose Lernen durch Beobachtung und Nachahmung ist die ältere und wichtigere Form der Aneignung von Techniken und Regeln. Sie geschieht nicht nur im Rahmen ausdrücklicher praktischer Unterweisung, sondern im Verlauf aller sozialen Beziehungen.

Wer sich in die Rolle der Anderen versetzt, stellt sich selbst als Fremden vor. Sowohl der tatsächliche als auch der imaginierte Blick der Anderen formen das immer wieder hinterfragte Selbstbild der Menschen auf entscheidende Weise. Die alltägliche Spekulation springt unaufhörlich zwischen einer Vielzahl von Blickwinkeln hin und her. Dieses fließende und meist unbewusste Zusammenspiel von eigenen und fremden Blicken wird von Jean-Paul Sartre anhand des Voyeurs im Treppenhaus und von Jacques Lacan als frühkindliches Spiegelerlebnis behandelt. Sie machen deutlich, dass der Blick nicht nur ein Teilbereich der Wahrnehmung ist, sondern ein psychischer Prozess, der durch Ähnlichkeit und Abtrennung erst Subjektivität erzeugt.

Blick

Nicht nur das Selbstbild, auch das Wollen entsteht in nachahmender Angleichung und Abgrenzung zu den Anderen. Mit seinem Begriff des "mimetischen Begehrens" will René Girard ebenso wie Pierre Bourdieu und viele andere auf den Umstand hinweisen, dass sich auch die ureigensten Wünsche und Abneigungen an der jeweiligen Gesellschaft ausrichten. Sie werden durch vielschichtige Machtbeziehungen geformt und strömen durch die sich gegenseitig beobachtenden Individuen hindurch. Die daraus entstehenden Gefühlszustände werden als selbstverständlich und authentisch empfunden.

Literatur

Bourdieu, Pierre (1979) 1982. Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Girard, René 1988. Der Sündenbock. Zürich: Benziger.

Lacan, Jacques 1986. Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion, wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint. Schriften I. Berlin: Quadriga.

Sartre, Jean-Paul (1943) 2003. Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. Berlin: Akademie Verlag.