Rhythmus

Gleichzeitigkeit und Gesellschaft

Das Leben ist ein Prozess, der auf der Herstellung von Gleichzeitigkeit basiert. Die Form eines neurochemischen Netzwerks ergibt sich aus den Neuronen, die sich im Bereich einer Millisekunde gleichzeitig entladen oder nicht. Ein Schwarm oder eine Herde entsteht durch den Rhythmus, in dem viele Körper ähnliche Bewegungen ausführen.

Marcel Mauss nennt die gleichzeitigen Bewegungen der Mitglieder einer Gesellschaft die „soziale Morphologie“, was er am Beispiel der Wanderungen der Inuit ausführt. Er folgt dem Gedanken, dass die Antwort auf die Frage, wann sich die Menschen gleichzeitig wohin bewegen, zu den "totalen sozialen Tatsachen" der jeweiligen Gesellschaft führt.

Elias Canetti behandelt die Frage, wer sich wann und wo versammelt, in seinen Beschreibungen zum Phänomen der "Masse". Im alltäglichen Umgang gibt es eine Vielzahl von expliziten und impliziten Vorschriften darüber, welche Abstände zu den Mitmenschen einzuhalten sind. Gleichzeitig zeigt Canetti aber auch das gegenläufige Verlangen, alle sozialen Grenzen hinter sich zu lassen und zur homogenen Masse zu verschmelzen. Hier bricht sich seiner Einschätzung nach ein einziger vormenschlicher Wunsch immer wieder Bahn: Das Leben will mehr werden.

In der menschlichen Interaktion sind nicht nur tatsächliche, sondern auch unsichtbare Massen von großer Bedeutung. Als Beispiele nennt Canetti die Heere der übernatürlichen Geister, die von unsichtbaren Krankheitserregern abgelöst werden, sowie die potenziellen Nachkommen und die vermuteten Vorfahren eines Menschen. Besondere Beachtung schenkt er den christlichen Toten, der Masse der Seligen. Sie ist eine statische Masse, "ein versammelter Chor, der schöne, aber nicht zu aufregende Lieder singt". Ihre wichtigste Eigenschaft sei die Ewigkeit. Dies erklärt er sich damit, dass von allem, was Menschen sich ersehnen können, die Dauer am schwersten zu erreichen ist. So erscheint Gesellschaft als Versuch, andauernde Rhythmen zu erzeugen.

Rhythmus

Was sind die Mittel der gesellschaftlichen Synchronisierung? Um die mögliche Länge und Breite einer Antwort auf diese Frage zu vermitteln, hier einige abstrakte und konkrete Beispiele: Blick, Mimik, Gestik, Sprache, Infrastruktur, Wettkämpfe, Ethik, Armeen, Leuchtfeuer, Durchschnittswerte, Marktplätze, Tänze, Mythologie, Gestirne, Rituale, Schrift, Alphörner, Smartphones, Sirenen, Zeitzonen, Ekstase, Uhren und Geld.

Für Georg Simmel sind das Geld und die Messung der Zeit die beiden wichtigsten Mittel der gesellschaftlichen Synchronisierung in der Moderne. Das Geld stellt für ihn den Sieg der abstrakten Quantität über die Qualität dar, der nur durch die verbindliche Messung der Zeit mit Hilfe von Kalendern und Uhren möglich wird. Die Durchsetzung dieser Standards liegt beim Staat, den Deleuze und Guattari als "Deterritorialisierungsmaschine" bezeichnen. Schrift, Geld und Uhrzeit sind Teile eines gewaltigen gesellschaftlichen Apparats, der versucht, die gleichzeitige und ortsunabhängige Wirksamkeit abstrakter Quantitäten durchzusetzen.

Literatur

Canetti, Elias (1960) 2010. Masse und Macht. Frankfurt a. M.: Fischer.

Mauss, Marcel (1905) 1989. Über den jahreszeitlichen Wandel der Eskimogesellschaften. Eine Studie zur sozialen Morphologie. In: Soziologie und Anthropologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Flusser, Vilem (1957) 2000. Vogelflüge. Essays zu Natur und Kultur. München: Hanser Verlag.