Unsicherheit

Risiko und Versicherung

Ein Risiko eingehen heißt, sich auf eine mehr oder weniger wägbare Ungewissheit einzulassen. Die meisten Menschen genießen die sich daraus ergebende Unsicherheit, solange sie in einen sicheren Rahmen eingebunden ist. Dieses Phänomen lässt sich in so unterschiedlichen Zusammenhängen wie Glücksspielen, Wettkämpfen und Erzählungen beobachten. Abgesicherte Interaktionen mit ungewissem Ausgang haben einen verführerischen Reiz, lösen eine interessierte Faszination aus, welche die Menschen aller Zeiten und Orte zu verbinden scheint.

Einfache Ungewissheiten wie ein Münzwurf oder ein Hütchenspiel können ungeheure Brisanz entwickeln, wenn das Ergebnis, der Umschlag von Möglichkeit in Welt, ganz konkrete Auswirkungen auf die Beteiligten hat. Glücksspiele zeichnen sich durch einen verbindlichen Einsatz aus, der nicht zurückgezogen werden kann. Während sich viele mit geringen Lotterieeinsätzen, die dennoch großen Gewinn versprechen, zufrieden geben, brauchen andere das hohe Risiko, welches über Wohlstand oder Ruin entscheidet.

Wettkämpfe können auch ohne hohen Einsatz die Aufmerksamkeit bannen. Die unverbindlichste Variante sind Computerspiele, die immer verfügbar sind und einen weitgehend konsequenzfreien Ausstieg per Knopfdruck ermöglichen. Im Sport fesselt die regulierte körperliche Auseinandersetzung mit ungewissem Ausgang die Teilnehmer und Zuschauer gleichermaßen. Dabei geht es nich nur um Prestige oder Geld. Glühende Fans sind einer Seite verschrieben, deren Erfolge und Niederlagen über Freude und Leid entscheiden. Diese Hingabe scheint ein eigener Einsatz zu sein, mit auf dem Spektakel aller Art gewettet wird.

Wer Horrofilme genießt, kann sich von einer an sich grundlosen Angst kitzeln lassen, deren Quelle verlässlich eingerahmt ist. Ein packender Roman benötigt lediglich Schrift, um das geneigte Publikum dem ungewissen Ende entgegen fiebern zu lassen. Einige Menschen brauchen allerdings die echte Lebensgefahr. Berufssoldaten berichten nicht selten davon, dass sie immer wieder in den Krieg ziehen, weil sie den geregelten Alltag nicht mehr ertragen können und die Intensität des Ausnahmezustands brauchen.

Die Zusammenhänge zwischen der Intensität des Erlebens und der Höhe des Einsatzes, der auf dem Spiel steht, sind äußerst schwer zu erfassen. Denn wenn es um die Sicherung der Lebensgrundlage geht, kann das Risiko für die meisten gar nicht gering genug sein. Das gilt sowohl für rituelle Praktiken als auch für andere Technologien des Überlebens. Organisierte Jagdgruppen erhöhen die Chancen auf Beute und übertragen das Risiko der Unternehmung auf viele Schultern. Die Zucht von Tieren und Pflanzen rückt die Nahrung in einen begrenzbaren Bereich, über den Macht ausgeübt werden kann. Das Wechselspiel von Kontrolle und Ungewissheit entzieht sich der festen Bestimmung.

Literatur

Kapferer, Bruce 1997. The Feast of the Sorcerer. Practices of Consciousness and Power. Chicago: Chicago University Press.

Melville, Herman 1851. Moby-Dick. New York: Harper.

Swofford, Anthony 2003. Jarhead. A Marine's Chronicle of the Gulf War and Other Battles. New York: Scribner.