Wunschmaschinen

Ödipus und Mengenlehre

Ödipus, das heißt: Den Vater töten und die Mutter heiraten. Die heutige Bekanntheit dieser antiken Sagengestalt geht auf Sigmund Freud zurück, der im ödipalen Dreieck den menschlichen Urkonflikt zu erkennen glaubt. Hiergegen lassen sich eine Reihe einleuchtender Argumente anführen. Dennoch bleibt es der Verdienst Freuds, die Psyche als dunklen und weitgehend unerforschten Prozess herausgestellt zu haben. Mit dem Unbewussten und dem Vorbewussten steckt er psychische Bereiche ab, die genauso rätselhaft sind, wie die Welt außerhalb des Menschen. Sich selbst zu verstehen ist genauso schwierig, wie die Welt zu verstehen. In den Menschen arbeiten unbewusste "Gedankenfabriken", der seelische Apparat wird vom Wunsch angetrieben. Damit stößt Freud das rationale Bewusstsein von seinem Thron und macht es zum bekannteren Teil eines psychischen Eisbergs.

Das menschliche Handeln ist für Freud das Produkt eines ununterbrochenen Kampfes zwischen Wollen und Sollen. Ödipus führt er aufgrund der Überlegung ein, dass das, was verboten ist, die unterdrückten Wünsche der Menschen am besten beschreibt. Für Freud ist das Inzestverbot das älteste und das wichtigste Gesetz, folglich drückt es die älteste und am tiefsten unterdrückte Begierde der Menschen aus.

Für Gilles Deleuze und Felix Guattari, die Autoren des "Anti-Ödipus", besteht die große Verfehlung Freuds darin, die neu eröffneten Gebiete jenseits des Bewusstseins, die Produktionen des Unbewussten, die ratternden "Wunschmaschinen", mit einer Erzählung aus der griechischen Mythologie zu überdecken. Damit werden Freud und die Psychoanalytiker zu Priestern einer neuen Religion, die der bestehenden Ordnung in vielfältiger Weise entgegen kommt. Der Wunsch der Eltern, die wichtigsten Personen im Leben der Kinder zu sein, wird durch die Pyschoanalyse bestätigt. Noch im Erwachsenenalter ist der Mensch dazu verdammt, frühkindlich fixierte Familienbeziehungen nachzuspielen. Staatliche Stellen können die Hoffnung hegen, dass problematische Akteure durch wissenschaftliche Methoden zu erfolgreichen Gesellschaftsreproduzenten therapiert werden können. Die Psychoanalyse ist bei Deleuze und Guattari zuerst ein Werkzeug der Unterdrückung, dessen Funktionsweise durch die Ödipuserzählung verschleiert wird. Die bestehenden sozialen Verhältnisse werden durch einen Familienmythos ersetzt, in dem Gesellschaft nur in Gestalt der Eltern auftritt. Dieser Vorwurf gilt für die Psychoanalyse ebenso wie für Hollywood.

Deleuze und Guattari zeichnen ein anderes Bild der Wunschmaschinen als verwundernde Vehikel, die von libidinöser Energie angetrieben werden. Die Produktionen des Unbewussten führen durch beständige Kopplungen und Trennungen dazu, dass die Unterdrückung begehrt wird, die Regel ihren Bruch bedingt, Schmerz zu Lust werden kann und umgekehrt. Eine ihrer zentralen Einsichten in diesen rätselhaften Prozess besteht darin, dass Individuum und Gesellschaft keine Gegensätze bilden, sondern unterschiedliche Größenverhältnisse der Wunschproduktion sind.

Wunschmaschinen

Bild:joiseyshowaa, CC BY-SA 2.0

Das Inzestverbot gilt fast überall. Wie auch immer das jeweilige Verwandtschaftssystem gegliedert ist, es gibt stets eine klar definierte Menge möglicher und unmöglicher Partner. Für Marcel Mauss und Claude Levi-Strauss ist das Inzestverbot ein Mittel zur Reproduktion von differenzierten Tauschbeziehungen, welche die Grundlagen sozialer Netzwerke bilden. Das Inzestverbot wurzelt für sie weniger in der Angst vor Mißgeburten oder der Notwendigkeit von Repression. Es ist zuerst eine gesellschaftlich gestanzte Wunschmaschine, die den universalen Austausch von Worten, Dingen und Menschen in Gang hält.

Dass Ödipus von Freud unheilbar geprägt wurde, schließt Neuinterpretationen nicht vollkommen aus. Peter Sloterdjik charakterisiert die Trägodie von Sophokles treffend als "erkenntnistheoretische Katastrophe". Ödipus verletzt die göttliche Mengenlehre, weil er nicht weiß, dass er es tut. Hätte er seinen Vater erkannt, hätte er ihn nicht getötet, hätte er die Mutter erkannt, hätte er sie nicht geheiratet. Die Tragödie behandelt in dieser Lesart zuerst das Dilemma der immer brandaktuellen Frage "Wie kann ich gemäß der natürlichen Ordnung leben, wenn ich sie nicht kenne?".

Literatur

Freud, Sigmund. Die Traumdeutung (I), Das Unbehagen in der Kultur (II) und andere Schriften. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins.

Deleuze, Gilles und Guattari, Felix 1974. Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie (I). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Malinowski, Bronislaw (1922) 1984. Argonauts of the Western Pacific. Prospect Heights: Waveland Press.

Mauss, Marcel (1923) 1999. Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Sophokles. König Oidipus. Stuttgart: Reclam.